Wie tief können wir denken?

Herzlich willkommen auf meinem Blog. Ich freue mich über dein Interesse an meinen Gedanken.

Als ich vor einer Woche die Entscheidung traf, mein Blog „ThinkDeeper“ zu nennen, meldete sich in meinem Hinterkopf eine warnende Stimme, die förmlich schon zu riechen glaubte, wie einige besonders spirituell orientierte oder gar erleuchtete Menschen in meinem Umfeld (die ich durchaus zu meiner Zielgruppe zähle) mir diesen Titel um die Ohren hauen würden. Denken führt schließlich in den Augen vieler spiritueller Menschen niemals zu tieferer Wahrheit, sondern im Gegenteil nur tiefer in die „Ego-Illusion“, als die unsere Welt gern von ihnen gesehen wird. Die wahre Erkenntnis kommt demnach immer erst, wenn wir uns von allen intellektuellen Konzepten verabschieden, das Denken (wenigstens vorübergehend) einstellen und reines Bewusstsein werden – was Sinn und Zweck jeglicher Meditation ist.

Denkender Affe

Einige gehen sogar so weit, jegliches tiefere Nachdenken über die Natur unserer Welt und unseres Selbst als überflüssigen „Mindfuck“ abzustempeln – wobei ich mich immer frage, warum eigentlich eine (wenngleich vulgäre) Bezeichnung für den ebenso angenehmen wie überlebenswichtigen Vorgang des Geschlechtsverkehrs so gerne in negativen Kontexten verwendet wird. Aber das nur am Rande.

Ist es nicht in der Tat erst das Denken, das unsere Wahrnehmung der Realität einschränkt und in begriffliche Schubladen sortiert, von denen wir uns dann kaum noch trennen mögen? Mir ist dies absolut bewusst, und nicht ohne Grund habe ich diese Tatsache direkt zu Beginn meines ersten Buches Die Entstehung der Realität thematisiert. Aus demselben Grund thematisiere ich sie auch in diesem ersten Blog-Artikel. Denn wir sollten sie stets im Hinterkopf behalten, wenn wir uns Gedanken über die Welt und uns selbst machen oder die Gedanken anderer lesen und reflektieren. Denken und Sprache (die meist Hand in Hand gehen) finden immer in etablierten Begriffswelten statt und unterliegen allein schon dadurch einer Einschränkung der Erkenntnisreichweite.

Selbst wenn wir neue Begriffe erfinden, um Dinge zu beschreiben oder zu erklären, für die unsere bisherige Sprache nicht ausreicht, leiten wir diese aus bekannten Konzepten und Begriffen ab. Etwas anderes ergäbe auch kaum Sinn, denn schließlich wollen wir unsere Erkenntnisse in der Regel anderen mitteilen und verstanden werden. Wir können also unseren „Denkraum“ immer nur häppchenweise erweitern und ausbauen und nicht grundlegend umkrempeln. Zudem ist jeder Begriff eine Reduzierung, eine künstliche Zerlegung des unendlich komplexen Kontinuums der Wirklichkeit in einzelne, scheinbar getrennte „Dinge“. Auch unsere Selbstwahrnehmung als getrennte Individuen, die sich erst in der spirituellen Erleuchtung wieder auflöst, basiert auf diesem Mechanismus.

Warum stellen wir dann nicht einfach ein paar gute Meditationsanleitungen ins Internet, um Menschen auf den Weg zur wahren Erkenntnis zu führen, und beschränken unser Denken ansonsten auf den Zweck, für den es die Natur ursprünglich geschaffen hat, nämlich das Finden von Lösungen für praktische Alltagsprobleme? Etwa: „Wie kriege ich den Tischtennisball wieder aus dem Staubsaugerrohr?“ Einige Menschen plädieren tatsächlich für diesen Weg und einige praktizieren ihn sogar erfolgreich. Beneide ich diese Menschen? Manchmal schon. Aber nicht immer.

Denn zum einen macht mir (und hoffentlich auch dir) das Nachdenken über die tieferen Zusammenhänge der Welt einfach Spaß. Und Spaß ist nie verkehrt. Zum anderen ist der intellektuelle Forschergeist ein menschlicher Urtrieb, geschaffen dafür, uns durch das Verständnis von Naturgesetzen immer besser an unsere Umwelt anpassen zu können. Es liegt uns also in den Genen, alles erklären zu wollen – ungeachtet dessen, ob das mit den beschränkten Mitteln unseres Intellekts möglich ist. Selbst wenn es nicht jeder tut – sei es mangels intellektueller Kapazität oder aufgrund spiritueller Fähigkeiten, die das Denken in solchen Kategorien überflüssig machen: Irgendjemand wird es immer tun und seine so gewonnenen Ansichten verbreiten. Und es wird immer Menschen geben, die ihm glauben.

Allein schon deshalb halte ich es für sinnvoll, so „tief“ zu denken, wie es uns möglich ist – denn Weltbilder widersprechen einander häufig, und selbst wenn kein einziges davon uns den ganzen Weg zur ultimativen Erkenntnis führen kann, unterscheiden sie sich doch stark darin, inwieweit sie uns den Weg zu höherer Erkenntnis und Erfahrung erleichtern oder erschweren. Natürlich kann man sich den Umweg theoretisch komplett sparen und sich auch gleich ins Zen-Kloster oder auf einen Berggipfel setzen. Aber wer ist dazu schon bereit? Die meisten von uns würden nicht einmal den Sinn einsehen, weil wir nun einmal mit einem bestimmten Weltbild aufgewachsen sind, das als scheinbare Wahrheit tief in uns verwurzelt ist und solche Wege einfach nicht vor- oder einsieht. Und ein Konstrukt, das durch Denken geschaffen wurde, kann auch nur durch Denken verändert werden – erweitert, präzisiert, korrigiert, der unaussprechlichen tieferen Wahrheit zumindest ein kleines Stück näher gebracht werden.

Nutzen wir das Denken also zumindest einmal dazu, die Hindernisse, die es uns selbst in den Weg gelegt hat, wieder wegzuräumen – wohl wissend, dass wir uns auch dabei immer nur in begrenzten Kategorien bewegen können. Aber wir können diese Kategorien erweitern und flexibler machen, um neue Türen für das Denken und auch darüber hinaus zu öffnen.

Und sollte sich dieses Unterfangen letztlich doch als unnötiger Umweg entpuppen, haben wir doch zumindest Spaß gehabt.

Über Jörg Starkmuth

Autor, Übersetzer und Verleger von Texten, die den Rahmen des Üblichen sprengen – mehr über mich

6 Kommentare

  1. Interessanter Text! Vielen Dank für den Blick in deine Gedankenwelt! Nachdem ich viele Jahre oft meditiert habe, bin ich wieder aufgetaucht, um auch mal wieder die Tiefe des Denkens,jetzt auf meist sehr angenehme Art & Weise, zu erkunden. Switchen zu können finde ich besonders beglückend.
    Freue mich schon auf weitere Beiträge von dir!

  2. Wohw!
    Frage:
    Was ist mit „nicht-sprachlichem Denken“? Als Musikerin kenne ich den Status der völligen Nonverbalität – also durch viel Musik machen zB Vorbereitungen auf ein Konzert oä – verliere ich tatsächlich vorrübergehend meine Sprache, kann einfache Sätze kaum aus mir heraus bringen, Unterhaltungen sind eher einsilbig oder unmöglich.
    Aber: ich Denke in diesen Zeiten unaufhörlich, wortlos. Alle Musik ertönt meist gleichzeitig in meinem Kopf. Eine ganze Beethovensonate fasse ich im Endstadium zu einer Sekunde zusammen. Eine Art Faltung der Zeit, die ich dann beim Vorspiel wieder liebevoll auseinander falte und hier läuft der umgekehrte Prozess ab: ich befinde mich zwar in einer Time-Line aber in Gedanken fühlt es sich an wie EIN MOMENT.
    Auch beim Komponieren „denke“ ich in Tönen, Klängen, Entwicklungen in der Zeit, die aber gleichzeitig „gefaltet“ ist.
    Man sagt ja auch gerne, dass die Musik eine universelle „Sprache“ ist und ich kann mir vorstellen, dass Schauspieler*innen und oder Autoren durchaus ähnlich ist.
    Die Hindernisse des Denkens in der Musik ist – wie in der Sprache – die Edukation und die Hörgewohnheit.
    In der Musik ist dieses Eintauchen in das Material richtig Arbeit. Der Alltag funktioniert dann nicht mehr so gut. Die musikalischen Inhalte sind dann meine einzigen Protagonisten meines Denkens. Der Output ist das Ergebnis.
    Leider entbehrt dieses Ergebnis jegliche Sprachebene.

    • Hallo Golda (ich weiß, wer du bist, erinnere mich an mein altes Forum …), ich beziehe mich in meinem Text hauptsächlich auf intellektuelles, also tendenziell linkshemisphärisches (lineares) Denken. Was du beschreibst und was für (gute) Musik auch essenziell ist, ist rechtshemisphärisches (vernetztes, intuitives, nichtlineares) Denken. Das ist eine ganz andere Art zu denken, die nicht über Begriffe und Logik abläuft, sodass auch nicht jeder es als „Denken“ bezeichnen würde. Tatsächlich ist die Datenverarbeitungskapazität dieses Systems aber um ein Vielfaches höher als die des Verstandes. Der Verstand arbeitet viel langsamer, hinterfragt aber genauer und kann Fehler erkennen, also als Kontrollinstanz dienen. Das funktioniert aber nur, wenn er diesen Job nicht permanent macht. Das weißt du als Musikerin am besten: Wenn du beim Spielen ständig nachdenkst, geht gar nichts mehr. Die intelligentesten und begabtesten Menschen der Welt setzen beide Denksysteme in optimaler Kombination ein. Es geht darum, eine möglichst gute Verbindung zwischen den Hemisphären (Corpus callosum) zu entwickeln – die besten Methoden dazu sind meines Wissens Meditation und Musizieren (M&M). 🙂

  3. Lieber Jörg,

    supergut! Du flasht mich immer wieder !!
    „Und Spaß ist nie verkehrt!“ merk ich mir, wenn ich wieder mal Unerklärliches, scheinbar Sinnfreies mache, denn die meisten Dinge, die ich aus mir heraus tue, tue ich deswegen, weil ich sie gerne mache oder liebe oder es mich interessiert oder es mich dahinzieht oder i c h einen Sinn darin sehe…!

    Weiter so, fettes Lob!

    Liebe Grüße
    Jürgen
    🙂
    __________

  4. Pingback:ThinkDeeper – das Blog von Jörg Starkmuth | Starkmuth Publishing

  5. Das Denken des Verstandes und die Informationen aus der geistigen Welt sind verschieden hohe Frequenzen, ansonsten gleicher Aufbau. Wenn wir immer schneller denken lernen, werden wir immer leichter Intuition und (kosmischen) Geist in den Verstand integrieren können. Ohne Verstand keine sprachliche Umsetzung. Wir brauchen ihn zweifellos, wenn wir empfangenes kosmisches Wissen mitteilen wollen, und das sollten wir.
    (Quellen: C.W.Leadbeater, Alf+Christa Jasinski)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.