Die Überflüssigkeit der Angst

FreiheitAngst ist eine der überflüssigsten Emotionen, die es gibt. Diese Behauptung ist ein zentraler Bestandteil meines Weltbildes. Und kaum eine Aussage dieses Weltbildes ruft mit größerer Wahrscheinlichkeit Widerspruch hervor. Vielleicht liegt es daran, dass Angst ein so elementarer Bestandteil unseres instinktiven Überlebenssystems ist, dass das Infragestellen ihres Sinns uns intuitiv gar nicht richtig vorkommen kann. Zwar stimmen mir die meisten Menschen recht schnell zu, wenn ich erkläre, dass viele Ängste Konstrukte unseres Gehirns sind, mit denen wir uns das Leben unnötig schwer machen. Aber viele glauben dennoch (und beharren teilweise vehement darauf), dass es auch so etwas wie sinnvolle Angst gibt. Ich möchte das hier einmal etwas genauer betrachten.

Angst ist entwicklungsgeschichtlich eine der ältesten Emotionen. Ihr Sinn besteht darin, einem Tier Gefahr zu signalisieren und es dazu zu bewegen, diese Gefahr zu meiden oder davor zu flüchten. Als die Natur vor Jahrmillionen die Angst „erfand“, gab es in der Tierwelt noch kein echtes Gedächtnis und erst recht keine rationale Intelligenz, wie sie uns unsere Großhirnrinde heute zur Verfügung stellt. Ein einfaches Tier kann seine Situation also nicht anhand von Erinnerungen vernünftig beurteilen. Es ist deshalb auf einfache Reiz-Reaktions-Muster angewiesen, eine Art automatisches Gefahrenvermeidungssystem.

Bei sehr einfachen Tieren sind die Angstmuster, die dem Gehirn mitteilen, was gefährlich ist, fest einprogrammiert. Auch wir Menschen haben übrigens solche fest programmierten Urängste, etwa die Angst vor Spinnen, Schlangen und ähnlichen Tieren, die Angst vor Dunkelheit oder die Angst vor großer Höhe. In der afrikanischen Wildnis, in der unsere Vorfahren lebten, waren diese Dinge tatsächlich sehr oft gefährlich. Terrarien, Taschenlampen und Geländer gab es ja noch nicht. Auch die im Beitrag Chaos und Ordnung erwähnte Angst vor Fremdem und Veränderung zählt dazu.

Höher entwickelte Tiere besitzen außerdem die Fähigkeit, mittels eines einfachen Lernsystems (Konditionierung) zusätzliche Ängste zu entwickeln, um sich an neuartige Gefahrensituationen besser anpassen zu können. In einer Situation, die sich als schmerzhaft (also gefährlich) herausstellt, werden die zugehörigen Sinneseindrücke gespeichert und mit dem Gefahrensignal gekoppelt. Wenn künftig ähnliche Sinneseindrücke auftreten, kommt sofort Angst auf, um das Tier zum Meiden der Situation zu bewegen.

Auch dieses System haben wir Menschen übernommen. Wenn ein bestimmter Anblick, Klang oder Geruch bei dir Angst oder ein mulmiges Gefühl (subtile Angst) auslöst, während andere Menschen in derselben Situation völlig cool bleiben, hast du wahrscheinlich bereits als Kind (als du vieles noch nicht rational hinterfragen konntest) eine unangenehme Erfahrung mit diesen Reizen gekoppelt. Der hierfür zuständige Teil des Gehirns – das „Emotionalgehirn“ – besitzt leider keinerlei höhere Intelligenz und kann nicht beurteilen, ob die Kopplung wirklich sinnvoll – d. h. die fragliche Situation tatsächlich immer gefährlich ist. Wenn du als Kind mehrfach von einem Mann mit schwarzen Locken heftigst verprügelt wurdest (eine Konditionierung benötigt mehrere Wiederholungen, bevor sie fest gespeichert wird), wirst du Männern mit solchen Haaren womöglich im späteren Leben nicht mehr ohne ungutes Gefühl begegnen können, was dein Lebensglück natürlich (aus erwachsener Sicht völlig sinnlos) einschränkt. Durch dieses System entsteht bereits eine Menge unnötiger Ängste.

Unser intelligentes Großhirn ist glücklicherweise in der Lage, einige dieser Ängste zu kompensieren oder zumindest abzumildern, indem es im selben Kontext für positive Emotionen sorgt, die sich aus unserer Lebenserfahrung entwickeln. Das gilt sogar für die instinktiven Urängste. Wer beispielsweise eine Faszination für Spinnen entwickelt, kann sich ihnen irgendwann problemlos nähern. Wer sich für Extremsport begeistert, überwindet seine Höhenangst, weil die z. B. beim Klettern erzeugten Belohnungsgefühle (Endorphine) die Angst mehr als aufwiegen. Die Angst wird dann nur noch als kleiner „Kick“ empfunden – wie beim Achterbahnfahren.

Dummerweise trägt das Großhirn aber auch zur Entstehung neuer Ängste bei. Das liegt an einem fundamentalen Missverständnis zwischen ihm und dem oben beschriebenen Emotionalgehirn. Dein Großhirn hat in erster Linie die Zielsetzung, dich glücklich zu machen. Wenn es dein Glück in Gefahr sieht (zum Beispiel, weil dein Chef dir mit Rausschmiss droht), erzeugt es ein Gefahrensignal. Dieses Signal wird vom Emotionalgehirn empfangen, das für die Erzeugung der passenden Gefühle zuständig ist. Dummerweise ist dieser urtümliche Gehirnteil jedoch nur auf eine Art von Gefahr ausgelegt, nämlich Lebensgefahr. Es versetzt dich deshalb körperlich in einen Zustand, der eigentlich nur bei akuter Lebensgefahr sinnvoll ist, nämlich Stress. Stress wird immer durch Angst verursacht. Er soll dich fit machen, um vor der Gefahr zu flüchten oder notfalls dagegen zu kämpfen. Intellektuelle oder kreative Glanzleistungen (etwa ein schlagfertiges Argument gegen deine drohende Kündigung) sind in diesem Zustand leider nicht möglich, denn dem Großhirn wird bei Stress die Energie entzogen, weil sie (aus Sicht des Emotionalgehirns) für die Flucht oder den Kampf benötigt wird.

Wie viele solcher konstruierter Ängste du hast, hängt also sehr stark von deiner Lebenserfahrung ab. Hilfreich ist keine davon, denn erstens leben wir nicht mehr in der Wildnis und werden durch die Zivilisation vor fast allen echten Gefahren beschützt. Zweitens kommen wir heutzutage so gut wie nie in eine Situation, in der Stress uns helfen würde, eine positive Lösung zu finden. Er reduziert unsere Denkleistung, lässt uns anderen gegenüber unsympathisch und unsouverän erscheinen und ruiniert nebenbei noch unsere Gesundheit, wenn er längerfristig bestehen bleibt – und das tut er, wenn wir in Teufelskreise geraten, in denen Situationen immer wieder Ängste antriggern, die uns dann wieder in genau die gleichen Situationen führen. Ein fundamentales Prinzip der Schöpfung besagt, dass wir immer das erschaffen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, und bei Angst richten wir diese naturgemäß auf das, wovor wir Angst haben – sodass wir es nicht mehr loswerden.

Angst schränkt damit unsere Freiheit massiv ein. Sie lässt uns Situationen meiden, die gar nicht wirklich gefährlich sind. Sie hält uns davon ab, Situationen zu genießen (was wir im Prinzip sogar könnten, wenn sie wirklich gefährlich sind). Sie hält uns davon ab, neue, wertvolle und vielleicht beglückende Erfahrungen zu machen. Was würdest du sagen: Wer hat mehr Freiheit – ein Mensch, der in einer freien Demokratie lebt und genügend Geld hat, aber ständig um seinen Job, seine Gesundheit, sein Beziehungsglück oder irgendetwas anderes fürchtet, oder ein Mensch, der im Gefängnis sitzt, aber innerlich völlig frei von Angst (und auf Angst basierenden Gefühlen wie Verzweiflung oder Wut) ist und seine Situation einfach als interessante Erfahrung oder als lehrreiche Lebenslektion betrachtet, für die er Dankbarkeit empfinden kann? Natürlich gibt es kaum jemanden, dem das so gelingen würde. Aber dieses Extrembeispiel soll zeigen, dass Freiheit viel mehr im Inneren als im Außen stattfindet und in erster Linie davon abhängt, wie viele Ängste wir haben. Die einzige wahre Freiheit ist die Freiheit von Angst.

Spätestens hier werden bei vielen die Alarmglocken klingeln. Kann es wirklich sinnvoll sein, völlig angstfrei zu leben? Würde das nicht dazu führen, dass wir reale Gefahren nicht mehr ernst nehmen? Was nützt uns das totale Freiheitsgefühl, wenn wir damit lachend ins Verderben rennen?

Aber würden wir das wirklich tun? Ich habe oft und lange darüber nachgedacht und bin immer wieder zu dem Schluss gelangt, dass wir als erwachsene, denkende und gebildete Menschen in den allermeisten Situationen keine Angst benötigen, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen. In unechten Gefahrensituationen (wie bei der drohenden Kündigung) liegt der Fall ohnehin klar, denn hier reduziert der Stress nur unsere Lösungskompetenz. Aber wie sieht es bei echter Lebensgefahr aus? In den allermeisten Fällen ist Angst auch hier kontraproduktiv. Denn wenn wir bedroht werden, etwa von Kriminellen, einem Raubtier oder einem Feuer, hilft es uns nicht, in Panik zu geraten, denn dann können wir nicht mehr klar denken und treffen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine unkluge Entscheidung. Selbst wenn wir kämpfen müssen, ist es besser, die volle Leistungsfähigkeit unseres Geistes zur Verfügung zu haben, wie die fernöstliche Kampfkunst eindrucksvoll zeigt.

Aber brauchen wir nicht zumindest ein kleines bisschen Angst, um die Situation überhaupt als gefährlich zu erkennen? In aller Regel nicht, denn die meisten Situationen können wir allein aufgrund unseres Wissens über die Welt richtig einschätzen. Ich weiß, dass ein Tiger oder ein Zimmerbrand gefährlich ist – das kann ich völlig angstfrei beurteilen und die nötigen Konsequenzen ziehen. Und selbst wenn ich eine Situation nicht einschätzen kann, kann ich mich angstfrei entschließen, ihr vorsichtshalber aus dem Weg zu gehen.

Aus meiner Sicht bleiben nur zwei Fälle übrig, in denen das altgediente Überlebenssystem Angst uns wirklich noch nützen kann. Zum einen sind das urplötzlich auftretende lebensgefährliche Situationen, in denen so schnelles Handeln gefordert ist, dass keine Zeit mehr zum Denken bleibt. Hier kann die Angst uns (vielleicht) retten, indem sie uns blitzartig zur Flucht oder zum Kampf mobilisiert (und dabei oft auch ungeahnte Körperkräfte freisetzt). Allerdings ist hierzu anzumerken, dass unser Großhirn bei voller Leistungsfähigkeit, d. h. optimalem Zusammenspiel zwischen Verstand und Intuition, extrem schnell arbeiten kann, sodass nur sehr wenige Situationen übrig bleiben, bei denen das nicht ausreicht. Der Glücksforscher Bodo Deletz berichtet von einem Erlebnis, bei dem er in einer lebensgefährlichen Situation auf der Autobahn innerhalb weniger Sekunden ausrechnete, wie und wo er sein Auto haarscharf an der Gefahrenstelle vorbeilenken konnte, um eine tödliche Kollision zu vermeiden. Hierbei half ihm freilich sein Wissen als gelernter Fahrzeugingenieur, aber auch die Tatsache, dass er nicht in Panik geriet, denn dann wäre sein Gehirn zu dieser Leistung nicht fähig gewesen.

Der zweite Fall, in dem Angst uns helfen kann, ist spiritueller Natur. Manchmal erhalten wir aus einer Quelle „höheren“ Wissens eine unterbewusste Information über eine drohende Gefahr, für die es keinerlei äußere Anzeichen gibt. Es sind viele Fälle dokumentiert, in denen Menschen z. B. das klare Gefühl hatten, dass sie nicht in einen bestimmten Zug oder ein Flugzeug steigen sollten, und dadurch einer Katastrophe entgingen. Da diese unterbewusste Information sich nicht auf rationale Argumente stützen kann, bleibt nur der Weg über ein Angstgefühl, das uns dazu bringt, der Gefahr, von der wir bewusst noch gar nichts wissen, aus dem Weg zu gehen.

Du kannst jedoch sicher sein, dass in diesen beiden Fällen deine Angst immer funktionieren wird, denn ganz abschalten lässt sie sich nicht. Es spricht also nichts dagegen, alle Angstmuster, die du dir im Laufe deines Lebens antrainiert hast, zu hinterfragen und aufzulösen. Das ist allerdings keine triviale Aufgabe. Wenn du es ernsthaft angehen möchtest, kann ich dir den Online-Videokurs der Bodo-Deletz-Akademie empfehlen. Mir ist derzeit kein umfassenderes und effektiveres System zur Optimierung des Unterbewusstseins bekannt. Mehr Informationen darüber, wie unsere Emotionsmuster funktionieren und zustande kommen, findest du auch in meinem Buch Die Entstehung der Realität.

Die ultimative Freiheit erreichen wir allerdings erst, wenn wir neben allen anderen auch die fundamentalste aller Ängste loslassen können, auf der alle anderen Ängste basieren: die Angst vor dem Tod. Auch hier gilt wieder: Keine Angst vor dem Tod zu haben bedeutet nicht, sich blind in jede tödliche Gefahr zu begeben. Es gibt uns lediglich volle Entscheidungsfreiheit darüber, in welche Situationen wir uns begeben wollen. Das Risiko des eigenen Todes zugunsten eines höheren Ziels in Kauf zu nehmen, kann in manchen Fällen durchaus erwägenswert sein.

Hierbei ist es natürlich ausgesprochen hilfreich, wenn das eigene Weltbild eine Weiterexistenz nach dem physischen Tod postuliert. Damit wird der Tod zu einem reinen Übergangsphänomen, statt als drohendes Ende unserer Existenz gesehen zu werden – und auch die „echten“ Lebensgefahren relativieren sich, weil sie unser wahres Leben niemals beenden können. Ich persönlich bin seit geraumer Zeit absolut überzeugt davon, dass wir unsterbliche, spirituelle Wesen sind und ein einzelnes irdisches Leben nur einen winzigen Schritt auf einer weitaus umfassenderen Seelenreise darstellt. Diese Überzeugung beruht nicht auf blindem Glauben, sondern auf Tausenden von Berichten über Nahtod- und andere außerkörperliche Erfahrungen, deren Inhalte und Gemeinsamkeiten aus meiner Sicht kaum einen anderen Schluss zulassen. Wenn du hierzu mehr erfahren möchtest, empfehle ich dir besonders die Bücher von William Buhlman, Michael Roads und Robert Monroe, insbesondere Buhlmans Expeditionen ins Jenseits. Sehr empfehlenswert und praxisnah ist auch die Website getastral.de von Andi Schwarz.

Je mehr wir verinnerlichen, was wir wirklich sind, nämlich unsterbliche, unzerstörbare Lichtwesen in einem auf reiner Liebe basierenden Universum, desto weniger Raum für Angst bleibt in unserem Leben. Umgekehrt hilft uns das Loslassen der Angst auch dabei, uns diesem wahren Kern unseres Selbst wieder zu öffnen. Ich wünsche dir gute Fortschritte dabei.

Über Jörg Starkmuth

Autor, Übersetzer und Verleger von Texten, die den Rahmen des Üblichen sprengen – mehr über mich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.